Kammern des Schreckens

Freitag, 18. April 2014

Über den Aufstieg eines Untergebenen

Heinrich Mann: Der Untertan



Diederich Heßling, als Kind von seinem Vater geschlagen, wächst zu einem stattlichen Mann heran, der den verehrt, welcher ihm Überlegenheit zeigt. Alle anderen tritt er, auch wenn sie bereits am Boden liegen. Diederich wechselt ständig zwischen Feigheit und Übermut; wäre er ein Teenie heutiger Zeit, würde ein lebensgroßes Plakat Wilhelms II über seinem Bett hängen, mit Textmarkerherzchen verziert. 

Ein anspruchsvoller Roman, nicht nur über die Zeit des deutschen Kaiserreichs, sondern über die verachtungswürdigen Gesichter des Menschen. Erstaunlich, dass er einen Monat vor Beginn des Ersten Weltkriegs fertiggestellt wurde.

Dem Höheren zu gehorchen, stellt sich als schweres Unterfangen heraus, ist das Höhere auch nur ein Mensch. Der Konflikt in Diederich, dem ein Untertan zu sein, der auch Schwächen zeigt, ist beinahe amüsant zu beobachten. 
Heinrich mit Thomas zu vergleichen, ist gemein, trotzdem lässt sich ein kleiner Vergleich hier gut einbringen. Die Fülle an Details, wie man sie beispielsweise bei Szeneriebeschreibungen der Buddenbrooks findet, fehlt beim Untertan. Der Fokus liegt hier an einer völlig anderen Stelle: Es geht nicht um einen äußerlichen wie innerlichen Verfall, sondern um einen Typen, wie er überall und jederzeit anzutreffen ist. Allgemeingültigkeit und politische Atmosphäre sind wichtig. 

Manns ironischer Humor ist allgegenwärtig. Man soll sich vor Diederich nicht fürchten und sich nicht gänzlich vor im ekeln. Was beim Lesen empfunden wird, ist eine Mischung aus Fremdschämen, Wut und Komik. Mir tut er eher leid, als dass ich ihm die Pest an den Hals wünsche. Besonders brachte mich zum Schmunzeln, wie Diederich auch äußerlich eine Imitation Wilhelms II angestrebt hat - ein Schnäuzer, der zu beiden Seiten spitz nach oben in Richtung Augen läuft. Von Diederichs Begegnungen mit dem weiblichen Geschlecht will ich gar nicht erst anfangen.
Nichts bleibt von dem seltsamen Protagonisten. Man kann sich erdenken, wie er aussieht, Uniform und Wilhelmsschnäuzer. Doch das Gesicht hinter der Fassade bleibt ein verwischtes Bild. Erst nach dem Lesen fällt mir das auf und es wirkt umso erstaunlicher, mit welchem Geschick und welcher Intention Heinrich Mann seine Figuren gestaltet hat.

Trotz allem bleibt ein Makel an der Konstruktion, der es mir hier und da schwer machte, zwischen schnell hintereinander folgenden Szenen nicht den Kopf zu verlieren. Ob es sich tatsächlich um einen ungewollten Schönheitsfleck handelt, sei dahingestellt. Auf diese Art und Weise erscheint die Gesamthandlung wie im Licht eines Theaterstückes. Man liest wie durch eine semipermeable Membran, Gedankenfetzen, die Diederichs Innerstes zeigen, wirken wie Messerstiche. 

Bis zum bitteren Ende ein erstaunlich durchgeplanter, bemerkenswert amüsanter und zugleich kaltherziger Roman - die perfekte Satire einer Gesellschaft, wie es sie nicht nur zur Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gab.

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Heinrich Mann, Der Untertan
Erstmals veröffentlicht: 1914
Vorliegende Ausgabe erschienen am: 1.10.2012
Seiten: 448 (Taschenbuch)
ISBN: 978-3-596-90026-8
Preis: 9,00 € [D]
Verlag: Fischer Klassik
(Bildquelle: Fischer)
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Luiz Heinrich Mann (1871-1950) wurde in Lübeck geboren und stand stets im literarischen Schatten seines berühmten Bruders Thomas. Da er sehr früh zur Demokratie tendierte, war ein Leben und Schaffen im nationalsozialistischen Deutschland nicht möglich. Viele Werke und antifaschistische Arbeiten entstanden im Exil. Der Untertan ist das Resultat seiner genauen Analyse der Gesellschaft des Wilhelminismus. Der Roman gehört zu Manns Kaiserreich-Trilogie und ist der erfolgreichste derselben. Das Leben des Autors wurde durch zahlreiche Suizide geliebter Personen erschüttert.
Heinrich Mann wurde übrigens von Nietzsche inspiriert, dessen Werke ich jedem ans Herz legen möchte. 

(weitere Informationen unter www.mann-heinrich.de)
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