Kammern des Schreckens

Sonntag, 7. Dezember 2014

Ein Liebesbrief ans Jetzt

Rachel Joyce
Der nie abgeschickte Liebesbrief an Harold Fry
Das Geheimnis der Queenie Hennessy


Dies ist keine Fortsetzung des Romans Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry, es ist dieselbe Geschichte, aus einer anderen Perspektive - somit wieder etwas ganz anderes. Man meint zwar, wenn man mit jemandem eine Art inniger Seelenverwandtschaft teilt, wenn man eine Person fest verankert im Leben einer anderen sieht, dann existiere so etwas wie eine gemeinsame Zeit. Dies hier ist jedoch das alleinige Gedankengut Queenie Hennessys, voll von Geheimnissen, voll von vermeintlicher Schuld und Erinnerungen und Leben.

Die Handlung des vorherigen Harold Frys ist also für die Nachvollziehbarkeit des vorliegenden Romans nicht notwendig, auch mir fehlt sie gänzlich, ohne, dass ich sie vermisse. So ist auch Harolds Persönlichkeit eine Nebensache, denn gewissermaßen verarbeitet Queenie durch die einseitige, schriftliche Kommunikation mit ihrer großen Liebe um Grunde ihr eigenes Sein - eigentlich kommuniziert sie mit sich selbst (könnte man meinen).

Erinnerungswürdig finde ich persönlich, wie mit Antagonisten umgegangen wird. So ist das Leben, heißt es an irgendeiner Stelle im Roman, und so zeigt dieser sich auch: wie das echte Leben (wenn man von gewissen Bewusstseinsfähigkeiten ablässt, die erstaunlich und unerklärbar, zugleich frustrierend sind, aber trotzdem möglich scheinen - ich weiß, das ist für jemanden, der das Buch nicht gelesen hat, vollkommen sinnfrei).

So zeigt sich an keiner Stelle auch nur der geringste Argwohn gegenüber Menschen, selbst, wenn ihnen eigentlich die Rolle der Bösewichte zugeschrieben wird. Man stellt sich häufig vor, und erlebt auch bisweilen, wie gutmütig Menschen werden, die im Begriff sind, mehr oder weniger vorbereitet zu sterben. Ihnen wird eine Weisheit zuteil, die jungen Leuten fremd sein muss. Weil gewissermaßen sowohl Bedeutsamkeit als auch Nichtigkeit des Lebens im Gleichgewicht sein müssen, bei einer Betrachtung aus der Metaebene. Oder so. Ich kann mich ja jetzt nicht aufspielen, mir fehlt da jegliche Erfahrung.

Obwohl es darum geht, zu zerfallen, zu Staub quasi, ist dieses Werk doch voll von zartem Humor. Sterben heißt nicht immer zu verlieren, zu jeder Zeit des Lebens kann man gewinnen, wenn man sich dem Leben öffnet. Auch im Sterben liegt nicht nur Verlust. 

Und doch ist Sterben manchmal ein langwieriger Prozess, besonders dann, wenn er ein bewusster ist. Genauso langwierig erschien mir die Lektüre bisweilen. Wenn man als Leser Queenie schon längst verziehen hat, sie jedoch noch lange nicht bereit dazu ist und sich im Kreise zu drehen scheint, ist das nicht wirklich förderlich für eine unterhaltsame Zeit. Man fühlt dann auch nicht mehr so mit, wodurch Emotionen in Gähnen verwandelt werden. 

Trotzdem halte ich das Werk im Großen und Ganzen für gelungen. Es ist eines dieser Bücher, deren Zauber noch viel besser wirkt, wenn sie vorgelesen werden. So wirkt die schlichte Sprache noch natürlicher, kurzweiliger.
*  *  *
Verlag und Bildquelle: S. Fischer
Seiten: 400 (Hardcover)
ISBN: 978-3-8105-2198-9
Preis: 18,99€ [D]

Sonntag, 2. November 2014

Von Männern, die nicht wissen, dass sie kahl werden

Haruki Murakami
Von Männern, die keine Frauen haben


Murakami, von einer ganz anderen und doch der altbewährten Seite.


Letztens habe ich in diesem Buch gelesen, während einer Vorlesung, und mir die Frage gestellt: Was für Probleme müssen Männer haben, die frauenlos sind?
Mein Blick wanderte über die vorderen Reihen, von Hinterkopf zu Hinterkopf. Viele maskuline Hinterköpfe beginnen bereits, licht zu werden. Fast schon richtige Glatzen, finde ich, ohne, dass die Kopfbesitzer es auch nur erahnen. Sie haben ja keine Frau, die sie von hinten sehen und darauf aufmerksam machen können. Aber ist das ein Problem, oder ein Umstand, von dem man möglichst lange nichts wissen möchte?

In wenigen Tagen wird Murakami der "Welt"-Literaturpreis 2014 verliehen, nicht nur dafür, dass er ebenso über Haarlosigkeit philosophieren kann, wie ich. Er kann, was man als guter Autor können muss: Welten erschaffen. Das macht er dann auf eine Weise, als sei er der literarische Salvador Dalí unserer Zeit.

Von Männern, die keine Frauen haben: Das klingt ja eher real, weniger surreal. Alltäglich sogar. Das sind beinahe die meisten der Geschichten. Sie handeln von Männern, die es so höchstwahrscheinlich auch gibt. Man liest, dann schaut man sich den Nachbarn an, der sein Bier stets einsam trinkt und nur zu duschen scheint, wenn es unbedingt nötig ist. Egal, wann oder wobei man ihn sieht. Dieser Mensch ist plötzlich ein Spiegel in eine andere Welt. Murakami macht's möglich, aber ich entschuldige mich hiermit bei all den Männern, die auch frauenlos wunderbar funktionieren. Metaphern leben nun einmal von Klischees.

Jede Geschichte ist geheimnisvoll. Man munkelt und will wissen, wie viel von dem beliebten Autor in den Figuren stecken mag, und, wenn überhaupt, welch seltsame, teils erschreckende Erfahrungen der arme Kerl schon gemacht haben muss. Immerhin, umso besser für den Interessantheitsgrad der Handlungen.
 Der für ihn typische, düstere Surrealismus ist präsent, sodass ein geübter Murakami-Gernleser nicht von diesem Werk enttäuscht sein kann. Dass die deutsche Version noch vor der englischen publiziert wurde, passt jedoch zu dem einzig negativen Punkt, der mich allerdings nur zu Beginn störte. Die Übersetzung wirkt gewissermaßen gehetzt, es wurde zunächst wenig auf einen abwechslungsreichen Wortschatz geachtet, viele Worte wiederholen sich. So, dass man ein Trinkspiel daraus machen könnte. Das gibt sich jedoch, man muss sich nicht einmal sonderlich dran gewöhnen.
(Betrunken ist man dann trotzdem schon. Oder fühlt sich Murakamis Schreibstil wie Betrunkenheit an? Wenn ich so darüber nachdenke, ja.)


Anscheinend wurde die Gelegenheit genutzt, mal eben auch der Literatur, dem Schreiben an sich und Vorbildern zu huldigen. Der Titel bezieht sich auf Hemingways Men Without Women.

Bemerkenswert ist diesbezüglich auch die Geschichte Samsa in Love, eine Umkehrung der berühmten Kafka-Erzählung Die Verwandlung: Hier verwandelt sich nicht Gregor Samsa in einen Käfer, sondern ein Käfer in Samsa. Wie würde sich ein Insekt fühlen, wenn es plötzlich mit den schrägen sexuellen Instinkten eines menschlichen Mannes konfrontiert würde? Liebe ist eine seltsame Angelegenheit, soll das heißen. Hinter all dem Alltäglichen, dem Gewohnten der Gefühle und des Körperlichen steckt stets etwas, das Lächerlich ist oder zumindest unbegreiflich. Immer neu. Vor allem kann der Schlag einen auch treffen, wenn die Welt um einen herum zusammenbricht (oder gerade dann). Die wahren Probleme und Interessen der Menschheit sind geschlechtlichen Ursprungs, könnte man meinen. Gleichzeitig ist es möglich, dass es sich hierbei einfach um eine faszinierende Geschichte der Faszination willen handelt. Die Interpretationen gefallen mir trotzdem.
[Seite 30] „Der zwischenmenschliche Umfang, besonders der zwischen Mann und Frau ist - wie soll ich sagen? - zu komplex. Verschwommen, selbstsüchtig, schmerzhaft.“
Dieses Buch ist Futter, wie ein nicht sättigendes, eher Lust auf mehr machendes Menü aus sieben Gängen. Ein bisschen Liebe zur Literatur, ein bisschen Liebe zu Frauen, ein bisschen Liebe zum Seltsamen, ein bisschen Liebe zur Liebe.
*  *  *
Verlag und Bildquelle: DUMONT
Erschienen am: 4.10.2014
Seiten: 254 (Hardcover)
ISBN: 978-3-8321-9781-0
Preis: 19,99€ [D]

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Gähnen verursachender Trübsinn

François Saintonge
Dolfi und Marilyn



Wir befinden uns im Frankreich des Jahres 2060. Tycho Mercier ist - zumindest sagt er das von sich selbst - angesehener Geschichtsprofessor; in gewisser Weise tröstet ihn diese Tatsache darüber hinweg, dass seine Frau Phoebé sich von ihm getrennt hat und er allein für die Erziehung des Sohnes Bruno verantwortlich ist. Zum Glück scheint dieser ebenso wissbegierig zu sein wie sein Vater. Gerade das dunkle Kapitel deutscher Geschichte fasziniert ihn - so strahlt der Junge übers ganze Gesicht, als ihm die Ehre zuteil wird, mit einem echten Klon (dem sechsten) Adolf Hitlers Kriegsspiele auf dem Computer spielen zu dürfen.
Herrlich, oder?
Jedoch handelt es sich um einen verbotenen Klon. Oh, nein! Was machen wir nun?, fragt sich Tycho, und fragt sich. Und fragt sich. Fast ist er in der Lage, sich seine Frage zu beantworten, da taucht ein Abbild Marilyn Monroes auf, was zu weiteren Verkomplizierungen führt. Man darf sagen: der Professor ist restlos überfordert. Dies ist das Buch seiner sich stets um sich selbst drehenden Gedanken.

Ein Überraschungserfolg, der bei der deutschen Leserschaft nicht recht ankommen will. 

Dem Autor fehlt jegliches Talent des Kürzens, habe ich den Verdacht. Das ist beinahe das, was mich am meisten an diesem Roman stört. Dazu kommen die hohen Erwartungen, die der witzige Titel, die verrückte Idee und das ungewöhnliche Cover setzen.
 Spannung ist im Grunde nie vorhanden, sicherlich interessante Szenen zwar, aber auf seltsame Weise ungenutzt. Vielleicht soll hierdurch bekräftigt werden, dass Merciers Leben trist und seine Abenteuerlust stark beschränkt ist? Aber wieso schreibt man einen Roman, der die Leser absichtlich langweilt? Nein, der Unterhaltungsversuch ist eindeutig vorhanden - in Form von Adolf Hitler. Zieht ja vermutlich immer, hat nur hier nicht funktioniert, höchstens provokativ, trotzdem effektlos.

Saintonge, das Pseudonym eines angeblich bereits renommierten französischen Autors, konzentriert sich hier auf die Erschaffung eines ganz und gar nervtötenden, leicht beirrbaren und erwürgenswerten Protagonisten. Tycho Mercier steht ständig auf dem Schlauch, auch wenn der Leser bereits Schlussfolgerungen ziehen kann. Das mag ein lustiges Konzept sein, kann einen allerdings auch zur Weißglut treiben.
Man könnte meinen, dass er die instabilen Persönlichkeiten des deutschen Volkes widerspiegeln soll, die es Hitler damals erst recht möglich gemacht haben, als Idealfigur an die Macht zu gelangen. In Dolfi und Marilyn wird die Macht der geschickt manipulierten Atmosphäre thematisiert, die sogar fest verankerte Ideale umkehren kann. Das aber nur am Rande - man muss bis zum Ende durchhalten, um so weit zwischen den Zeilen lesen zu können. Dazu kommt, dass dieses Thema nicht einmal anschaulich, eher langatmig umgesetzt wird.

Kritisiert wird an der Lektüre unter anderem, dass die Zukunftsversion wenig Futuristisches an sich hätte, dem muss ich jedoch widersprechen. Es werden keine Printbücher mehr produziert, ein Teil Deutschlands ist unabhängig geworden, die durchschnittliche Lebenserwartung ist stark gestiegen, und so weiter, abgesehen vom Klonen. Nichtsdestotrotz handelt es sich um Details, die jedem hätten einfallen können, nicht wirklich originell, nicht wirklich überraschend. Insgesamt kann man sich nur sehr schwer ein Bild vom Leben außerhalb des Professorenhirns machen.
Wie sollen auch die Farben einer Landschaft für deren Schönheit sprechen, wenn einem der Kopf in einer Tüte steckt? Saintonge setzt dem Menschen ungefragt eine Tüte auf, kann man ihn dafür vielleicht anklagen?

Zusammenfassend kein überzeugendes Werk. Ideen sind reichlich vorhanden, man kann sogar einigen Tiefsinn entdecken. Es fehlt jedoch die Würze. Der Humor ist als solcher kaum erkennbar, denn das hieße ja, der Professor sei witzig, oder man könne wenigstens über ihn lachen. Zwar spielt der Autor mit Metaphern und Ironie, die Sprache wird dadurch aber nicht weniger trüb. Tatsächlich ist es eine Qual, Merciers Gedankengänge verfolgen zu müssen, man lacht nur, wenn man das Buch zum letzten Mal zuschlagen darf: vor Erleichterung. 


*  *  *
Dolfi und Marilyn
Verlag und Bildquelle: carl's books
Erscheinungsdatum: 8.09.2014
Seiten: 288 (Paperback)
ISBN: 978-3-570-58537-5
Preis: 14,99€ [D]

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Gemeinsam - oder einsam? - lesen am Donnerstag



Es ist wieder Dienstag! Nein, stimmt. Es ist gar nicht Dienstag. Reingelegt!
Aber Tage, die mit "D" anfangen, sind ohnehin immer dieselben.
 

Heute lese ich im Sinne der heißverehrten Bloggeraktion ein Buch, das ich eigentlich gar nicht lese. Also, jetzt schon. Aber ich lege es immer wieder weg und nehme es dann wieder und lege es weg ... 
Immer wieder.
______________________

1. Welches Buch liest du gerade und auf welcher Seite bist du?

463 / 760


2. Wie lautet der erste Satz auf deiner aktuellen Seite?
Außerdem war der Prinz zu lange schon Teil dieser Welt, um zu glauben, dass man sie wirklich ändern kann.
3. Was willst du unbedingt aktuell zu deinem Buch loswerden? (Gedanken dazu, Gefühle, ein Zitat, was immer du willst!)

Heute sind es Gedanken, und zwar hauptsächlich zur Autorin.
 Cornelia Funke habe ich als Leseanfängerin geliebt. Jede Geschichte steckt voller Feingefühl und Schreiblust und einer großen Erzählgabe, ob es die Wilden Hühner waren oder Potilla und der Mützendieb oder, oder, oder. Selbst in den Romanen, die nicht Fantasy sind, schwingt eine zarte Magie mit.
Trotzdem finde ich Tintentod, so wie die beiden Vorgänger, immer wieder ein wenig langweilig, obwohl es auch stellenweise typisches Funke-Feeling gibt. Bücher, in denen es um Bücher geht, sind mir ohnehin direkt sympathisch.

4. Liest du Reihen lieber am Stück oder hast du gerne noch andere Bücher zwischen den einzelnen Bänden?


Es ergibt sich bei mir selten, dass ich direkt mehrere Bände kaufe oder direkt nach dem Auslesen des einen Bandes den Folgeband sofort hinterherkaufe.
 Ich brauche auch nach einem Teil gern eine gewisse Abwechslung, denn wenn es sich um eine sehr gute und ehrenwerte Reihe handelt, will ich auf keinen Fall auch nur ein bisschen zu viel von ihr haben. Das würde schnell geschehen, wenn ich wochenlang nichts anderes läse.

*  *  *

Montag, 6. Oktober 2014

Die volle Ladung Sauerstoff


Hape Kerkeling
Der Junge muss an die frische Luft


Eine Persönlichkeit, das ist nicht gleich eine Person. Das sind alle Personen und alle Orte und jede Luft, die man im Leben jemals aufgesogen hat.  Hape Kerkeling würden viele Leute als die Persönlichkeit schlechthin bezeichnet. In seinem neuen Buch erklärt der Entertainer, aus welchem Holz er wirklich geschnitzt ist.

Nach dem riesigen und berechtigten Erfolg des - man könnte es folgendermaßen nennen - Pilgertagebuches Ich bin dann mal weg, welches nicht zuletzt auch in mir den dringenden Wunsch nach Jakobsmuscheln weckte, handelt es sich bei dem neuesten Werk um ein noch persönlicheres, um ein noch bewegenderes.
Die Reise nach Santiago de Compostela hinterließ Sympathie und Wohlwollen von allen Seiten, die vorliegende Schilderung intimster Anekdoten und Tragödien hingegen verdient zudem größten Respekt. Ich will im Grunde nicht allzu sehr in Bildern sprechen, aber man kann in der Tat behaupten: Dermaßen nackt hat man Hape Kerkeling noch nie gesehen.

Die literarische Qualität halte ich für vollkommen angemessen. Kerkeling ist kein hauptberuflicher Autor, er ist vor allem Entertainer. Nach der Lektüre will ich sogar behaupten, dass er schlicht und ergreifend auf menschlicher, weniger auf literarischer Mission ist. Dazu kann eine eigene Erfahrung kaum literarisch sein, denn literarisch, das heißt manchmal unecht.
Somit handelt es sich hier nicht um nobelpreisverdächtige Kunst im Sinne der Wissenschaft. Es finden sich tatsächlich einige durchaus poetisch anmutende Stellen, die mir glockenhell, aber keineswegs tinnitusartig in den Ohren klangen. Dann aber wiederholen sich Phrasen hier und da, manch ein Dialog hätte noch weiter ausgebaut werden können (aber auch, weil ein Kind, dem Schokolade angeboten wird, nicht mit einem einzigen Riegel zufrieden ist). Insgesamt eine ausgeglichene Leistung. 
Geschrieben wird einfach, wie der Schreiber ist, und das macht das Geschriebene umso sympathischer.

Außerdem würde einer Geschichte, die der Untermalung willen ausgeschmückt wurde, Maßgebliches fehlen: Authentizität; jene, die ich besonders an dem Jungen, der an die frische Luft muss, bewundere. Sie zeichnet auch jede einzelne Figur aus, die einem hier mehr oder weniger über den Weg laufen. Häufig meint man, bekannte Gesichter aus seiner Familie in ihnen zu erkennen; spezielle Rollen in der Verwandtschaft gibt es, die werden stets von derselben Art Familienmitglied besetzt, obwohl es niemandem zu gleichen scheint.
Als herausragende Eigenschaft veranschaulicht eine unverblümte Ehrlichkeit dem Leser, dass der Publikumsliebling zwar für ebendieses (das Publikum) geschrieben hat; sei es, um ihm Mut zu machen, Verständnis zu erzeugen, auch zur Unterstützung Kranker und als Hommage an die Menschen, die ihn geprägt haben - jedoch vermute ich auch, dass er das Buch zu keinem geringen Anteil ebenso für sich selbst geschrieben hat. Ein von-der-Seele-Schreiben, ein sich-selbst-Verdeutlichen. Gewissermaßen ein sein-Leben-vor-sich-Ausbreiten. 

Lustig sein ist eine seelische Bereicherung (und das sage ich, obwohl ich gar nicht lustig bin). Auf bemerkenswerte Art bekräftigt der Autor seine innige Liebe zum menschlichen Humor, die beim Lesen regelrecht Lebenslust verbreitet und glücklich macht. 

Nicht zu missachten ist auch folgende Botschaft an den Leser, etwas, das zumindest ich gelernt habe: dass ein Mensch, der zur öffentlichen Person gemacht wird, noch immer ein Mensch ist. Mit einer einzigartigen Geschichte, die nur eben diesem Menschen gehört. Jedermanns Geschichte kann erzählt werden und bleibt doch Eigentum dessen, der sie erlebt hat.

Direkt zu Anfang lachte ich, bis meine Sitznachbarn in der Bahn am liebsten den Platz gewechselt hätten. Nicht lang darauf weinte ich, als klebten frische Zwiebelscheiben zwischen den Buchseiten.
 Das ist es doch, worum es beim Lesen geht. Geschüttelt werden, und gerührt. Das schafft nicht einmal jeder fiktive Roman, gar nicht erst von Sachbüchern anzufangen, von arroganten Autobiographien selbsternannter Gandalfs. Mit diesem Buch beschenkt Hape Kerkeling sich selbst und die Welt.

*  *  *
Der Junge muss an die frische Luft
Erschienen: 06.10.2014
Verlag und Bildquelle: Piper
Seiten: 320 (Hardcover mit Schutzumschlag)
ISBN: 978-3-492-05700-4
Preis: 19,99€ [D]

Samstag, 4. Oktober 2014

[4] Saturday Sentence



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Die Prinzessin sog
 den salzigen Atem des Meeres ein.
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Donnerstag, 2. Oktober 2014

Quasi Rohzustand

Mario H. Steinmetz
Totes Land [1]
Ausnahmezustand


Die Apokalypse, dargestellt in Deutschland. Was von Hobbyüberlebenden normalerweise (mehr oder minder) professionell simuliert wird, überschreitet die Grenze zur Realität. Infizierte, die andere Menschen angreifen. Ein unbekanntes Virus mit ekelerregenden Folgen. Markus weiß sofort, dass die Lage ernst ist, also flieht er. Sein einziges Ziel ist Sicherheit: Anette, seine Freundin, kilometerweit entfernt von ihm, befindet sich höchstwahrscheinlich in Gefahr. Und das Böse nimmt bereits die Fährte auf, den Geruch gesunden Fleisches in seiner Nase. Noch gesunden Fleisches.

Ein simples Gleichnis fasst im Grunde genommen alle störenden Aspekte des Romans zusammen:
Wenn man sich ein Omelett bestellt, erwartet man nicht, ein rohes Ei serviert zu bekommen.
Das Huhn, welches mit aller Liebe und Müh jenes Ei gelegt hat, sein geliebtes Kind, kann eigentlich gar nichts dafür, dass es nicht weiter bearbeitet worden ist. In dem Fall handelt es sich bei dem Huhn um den Autor. Das soll natürlich keine Beleidigung sein, eher ein Kompliment. Wobei es dem Huhn egal ist, ob man sein Kind roh verspeist oder erst, nachdem es in der Pfanne gelegen hat - dann wiederum steckt ja kein echtes Kind drin, wenn das Ei unbefruchtet war und überhaupt, das war ein blödes Gleichnis (bin ja auch nicht Jesus).

Man findet sich einer Idee mit recht großem Potenzial entgegengestellt. Hier und da hätten Szenen ausgearbeitet werden können, vielleicht auch sollen - im Gegenzug gibt es sicherlich auch Längen, die eine Kürzung gut vertragen hätten. Ein ganz und gar unvollkommenes Werk, ein vermutlich durchschnittliches Maß an Arbeit für das Lektorat. Was sich zwischen den hübschen Buchdeckeln befindet, scheint jedoch eher ein Manuskript zu sein, Rechtschreibfehler, unbeholfene Dialoge häufen sich, Probleme, die nach wenigem Korrigieren behoben sein müssten. Ich stelle mir das jedenfalls so vor; schließlich habe ich noch niemals in einem Verlag gearbeitet. Aber mal im Ernst: das hätte sogar ich geschafft, und ich bin auch nicht gerade ein Duden mit Haaren auf dem Kopf. Sogar kostenlos!

Die Charaktere sind mehr oder weniger realistisch dargestellt; Markus, der Hauptcharakter, gewinnt Sympathien durch seine Eigenheiten und Charakterfehler. Und Antipathien. Je nach Geschmack.
 Ich persönlich wurde nicht damit warm, welchen Stellenwert eine feste Beziehung für ihn zu haben scheint. Mir obliegt es nicht, hier zu viel zu verraten, jedoch wage ich zu hoffen, dass meine Abneigung Positives über mein eigenes Beziehungsverhalten aussagt, immerhin. Ob die Figuren logisch handeln, kann ich kaum beurteilen. Was ist schon Logik, wenn man dem Weltuntergang ins Auge sieht? Andererseits hat, wenn ich meinen Gedankengang verfolge, also gar nichts eine Bedeutung, im Grunde sind alle Regeln aufgehoben und der Roman kann sein, wie er will. Auch grammatikalisch. Das geht ja nun wieder nicht.

Die Handlung an sich klettert ab dem letzten Drittel die Spannungskurve blitzschnell hinauf, wo sie plötzlich stoppt: ein Ende, das viel verspricht und selbst den zunächst abgeneigtesten Leser auf den zweiten Teil neugierig macht. Viele offene Fragen, die Präsenz des Bösen, eine beinahe selbstständige Dynamik - Zutaten, die sogar viele förmliche Schwierigkeiten verzeihen lassen. Wenn man vorher keine Salmonellen bekommen hat, wenn man bis hierhin durchgehalten hat, will man mehr: Zu hoffen gibt auch die Ankündigung eines neuen Lektors für die folgenden Bände. Hoffentlich ist das jemand, der versteht, aus Eiern ein Omelett zu machen. Oder vegan: Aus einem Salatblatt ... ein Salatblatt. Eines, das schmeckt.

*  *  *
Totes Land: Ausnahmezustand
Erschienen: Juli 2014
Verlag und Bildquelle: Mantikore
Seiten: 507 (Taschenbuch)
ISBN: 978-3-939212-56-0

Preis: 14,95€ [D]




Dienstag, 30. September 2014

Gemeinsam unsere Nasen auf Papier drücken


Ich schäme mich beinahe, hier dasselbe Buch vorstellen zu müssen wie Samstag beim Saturday Sentence. Bin nun einmal aufgeregt. Da lese ich nicht ganz so viel wie sonst. Morgen findet meine erste Universitätsveranstaltung statt, eine Art supertöfte und megaknorke Führung durch Münster. Ich bin so begeistert, vor allem über die Kneipengänge, dass ich beinahe hyperventiliere und heute Abend sicher noch an Asthma erkranke. Nein, mal im Ernst. Ich freue mich riesig über mein allererstes Biosemester, aber eigentlich will ich ja studieren und nicht auf Saufgelage mit irgendwelchen Studenten, die ich doch eh nicht mag, weil ich nämlich soziophob bin.
Übrigens, diese Rechtschreiberkennung kennt das Wort "soziophob" nicht, genausowenig "Kneipengänge" oder "megaknorke". Alles hier rot unterkringelt. Muss man sich Sorgen machen?
Noch was: Wenn man eines dieser Piercings hat, so zwischen den Zähnen, wie oft am Tag fragen einen die Leute, ob man Spinat gegessen hat? Oder Salat?
So viele Themen, die mich den ganzen Tag beschäftigt haben. Dazu kommt noch die Erzählung, an der ich sitze, von der ich gestern beschlossen habe, dass ich sie behämmert finde. Lesen ist auch irgendwie einfacher, als schreiben.

Jetzt habe ich alle Leute, die nur meinen Beitrag zum Gemeinsamen Lesen lesen wollten, dazu gezwungen, sich mein Leid anzuhören. Wir Soziophobe, wir wissen nun einmal nicht, wie man sich benimmt. Aber hier:



1. Welches Buch liest du gerade und auf welcher Seite bist du?

69 / 290
2. Wie lautet der erste Satz auf deiner aktuellen Seite?
Bald wird es billige Klone geben, minimalistische, auf eine einzige Funktion reduzierte Kreaturen, die in Fabriken und Minen arbeiten. [S. 69]


3. Was willst du unbedingt zu deinem aktuellen Buch loswerden? (Gedanken dazu, Gefühle, ein Zitat, was immer du willst!)
Ich bin noch nicht hundertprozentig überzeugt von der Lektüre, einfach, weil der Schreibstil mich noch nicht packen konnte. Er ist relativ unspektakulär, dabei stellt man sich das bei einem so krassen Thema wie Klonen und Hitler ganz anders vor. Gerade eben aber musste ich ein bisschen kichern, das ist ein gutes Zeichen. Ich weiß nur nicht mehr, was ich gelesen habe, weshalb ich kichern musste. Na toll.

Allerdings hat das Buch noch etwas, was ich mag - ich hatte mich für ein kostenloses Exemplar auf LovelyBooks beworben, wurde aber leider nicht aus dem Lostopf gezogen. Irgendeiner der Gewinner hat sich dann jedoch nicht gemeldet und somit wurde ich nachgelost, was mich sowas von überrascht hat, dass ich vor Freude im Dreieck gesprungen bin. Dabei hätte sonstwas passieren können. Ich habe mir zwar noch nie etwas gebrochen, aber das wäre der perfekte Zeitpunkt dafür gewesen. Außerdem passieren soundsoviele tödliche Unfälle im Haushalt. Ja, aber hallo!

Ach ja, nachgelost ... und genau deswegen hat der Roman an sich schon was gut bei mir. :)

4. Wenn du zum jetzigen Zeitpunkt in das Buch "springen" könntest - welche Figur würdest du gerne sein und warum?

Darf ich A. H. 6 sagen? Sprich: der sechste Hitlerklon. Ich bin ganz und gar nicht rechts, aber ich war noch nie Hitler, wäre auch mal was anderes als immer wieder Marilyn Monroe (die bin ich ja schon 24/7). Ehrlich gesagt finde ich die Figuren alle noch nicht so spannend, der Protagonist hat einfach nur eine Schraube locker, sein Sohn ist in Ordnung (aber er hat ja einen seltsamen Vater), die Exfrau hat offensichtlich keinen Geschmack und ansonsten ... bleibe ich wohl beim Dolfi.

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Sonntag, 28. September 2014

So viel Leben passt in eine winzige Schachtel.

 Edward St Aubyn 
Der beste Roman des Jahres




Den diesjährigen Gewinner des Elysia-Preises, der normalerweise für Literatur vergeben wird, ernennt die wohl kompetenteste Jury überhaupt. Warum nur häufen sich die Probleme? Intrigen und Skandale, Beziehungen und Bindungen, Familiengeschichten und seltsame Zufälle erschweren die Wahl. Befinden wir uns hier in der Literaturbranche oder drehen wir Hollywood-Filme?
 Jeder Autor ist überzeugt von seinem Werk, bis auf Lakshmi Badanpur, deren Kochbuch es durch ein Missverständnis auf die Longlist geschafft hat. Und wessen Werk einfach unbeachtet blieb, der hat mit noch viel größeren Schwierigkeiten zu kämpfen: dem Ego eines jeden Künstlers und dem tödlichen Strudel der romantischen Liebe.

Auf den ersten Blick kommt Der beste Roman des Jahres daher wie die mit Abstand eleganteste Schachtel Zigaretten weit und breit. Auch sein Inhalt gleicht einem der schädlichen Zylinder, nur eben, dass er im Grunde vollkommen gesundheitsneutral ist, es sei denn, man vergisst das Essen und Trinken oder gar Atmen beim Verzehr der süchtig machenden Lektüre. 

Es handelt sich hierbei um eine unterhaltsame Satire, die mit überraschenden Wendungen, realitätsnaher und glaubhafter Komik, immer aktueller Thematik und zuletzt sogar mit einer gewissen (kriminellen) Spannung aufwartet. Dem Leser drängt sich angenehmerweise eine unbändige Lust auf, zu schreiben  - so hielt auch ich selbst mitten in der nächtlichen Atmosphäre stets einen Notizblock bereit, um eventuell die Lektüre zu unterbrechen, weil mir eigene, verrückte Ideen gekommen waren. Verschiedenste Facetten des Leser- und Schreiberdaseins werden beleuchtet, teilweise liest man Texte mit den Protagonisten mit, die (bezieht sich auf Texte und Charaktere zugleich) unterschiedlicher nicht sein können - eine genüsslichere Inspiration kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. 


Beinahe paradox ist die Liebe zum Detail, die raffinierte Handwerkskunst einer wie mit der Pinzette zurecht gerückten Geschichte, wenn man deren komprimierte Form bedenkt. Angemessene Längen, aber auch beabsichtigte Dynamik hängen gänzlich von der jeweiligen Figur ab, aus deren Perspektive der Leser die Welt gerade beobachtet. In dieser Hinsicht erinnert die spezielle Schreibweise fast Koeppens Tauben im Gras, nur in einer sofort verständlichen und bescheideneren Form, jedoch auch mit dem Fokus der Handlung auf ein öffentliches Event, welches außerdem durch die Anwesenheit aller bekannten Personen ein gewisses Chaos beherbergt. Soll heißen, dass an dieser Stelle die Tendenz zur Überforderung gegeben ist.

Der Autor beschäftigt sich mit der Frage nach dem Wesen der Literatur. Ist sie nicht schlicht und ergreifend Kunst? Sind nicht alle wirklich guten Romane Kunstwerke und somit aufgrund ihrer Einzigartigkeit unvergleichbar? Vielmehr spielt scheinbar bei der Erstellung einer Longlist alles andere eine Rolle: Politik, Geld, Macht, Sex, menschliches Versagen, Missverständnisse und nach einer äquatorlangen Kette auch irgendwann, beinahe unbedeutend: der ganz und gar eigene Geschmack. 



Über dieses Werk enthusiastisch zu behaupten, es sei der beste Roman des Jahres, käme einer Beleidigung gleich, die dreister nicht ausfallen könnte. Wer solch eine Lektüre für irgendeinen Buchpreis nominieren würde, wäre entweder bodenlos frech, oder aber hätte ihre hauptsächlichen Thesen nicht annähernd verstanden. 

Ich wage jedoch zu behaupten, dass ich für mich persönlich feststellen darf, in diesem Jahr nur wenig Vergleichbares gelesen zu haben. 



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Edward St Aubyn, Jahrgang 1960, wuchs in England und Südfrankreich auf und lebt zur Zeit in London. Er ist Journalist und hat bereits mehrere Romane veröffentlicht, am bekanntesten wahrscheinlich seine Melrose-Saga, in welcher tragische und traumatisierende Erfahrungen mit der britischen upper class verarbeitet wurden. Charakteristisch für den Autor ist sein effektvoller Sarkasmus.

Der beste Roman des Jahres
erschienen am: 01.09.2014
Verlag und Bildquelle: Piper
Seiten: 256 (Hardcover)

ISBN: 978-3-492-05435-5
Preis: 16,99€ [D]


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Samstag, 27. September 2014

[3] Saturday Sentence


Der zehnte Satz auf Seite 158 meiner aktuellen Lektüre. 
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„Der Klon ist in ganz Europa verboten.“
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Freitag, 26. September 2014

[3] Wölkchens Freitagsfragen


Warum ist es eigentlich erst das dritte Mal, dass ich bei dieser Aktion mitmache? Ja, das frage ich mich. Schon seit etwa fünf Minuten sogar. Ich glaube, es ist so, weil ich vor diesem Tag erst zweimal mitgemacht habe. Die einzig logische Erklärung. Das war nun das perfekte Training, bevor ich damit beginne, Wölkchens diesmalige Fragen unter die Lupe zu nehmen. 


1. Schreibst du Rezensionen zu Büchern? Inwieweit lässt du dich selbst von Rezensionen beeinflussen?


Ja, ich schreibe Rezensionen zu Büchern. Und das, obwohl ich selber noch nie ein Buch geschrieben habe. An sich paradox, weil man sich als Experte auf einem Gebiet aufspielt, in dem man selber noch nie etwas bewirkt hat. 

Ich lese Rezensionen nie, wenn ich gerade zu demselben Buch eine eigene Rezi verfasse. Ich hasse es, von mir selber zu meinen, ich hätte irgendwas abgekupfert. Je nach Verfasser ist es aber so, dass man sich durch das Lesen der Meinung anderer viel ausgedehntere Sichtweisen auf das Buch an sich verschaffen kann. Das schätze ich auch an Leserunden sehr. 
Außerdem muss ich zugeben, dass ich, nachdem ich eine besonders gelungene sehr positive oder sehr negative Bewertung gelesen habe, mich umso mehr für das Buch interessiere. Selbst, wenn es als schlecht verschrien ist, macht mich das noch einmal extra neugierig. 

2. Abgesehen von Bücherblogs, welche Blogs liest du noch?

Früher habe ich es geliebt, in Fashion-Blogs zu stöbern (gar nicht so lange her), aber inzwischen beschränkt sich mein Interesse auf Literatur- und Buchblogs. Beinahe. Ich schaue mir auch gern solche an, deren Autoren künstlerisch / fotografisch interessiert sind und hauptsächlich Bilder posten. Das ist eine wohltuende Abwechslung, nachdem man sich schon die Augen halb kaputt gelesen hat. Und man staunt, was es so für Talente da draußen gibt. :)

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Donnerstag, 25. September 2014

Liebster Ähwoard




Am Titel und Bild sieht man ja, was geschehen ist: Die Welt ist untergegangen. Ich sitze noch einigermaßen sicher auf einem hohen, spitzen Pfahl. Ziemlich anstrengend, weil er wackelt und meinem Po wehtut. Ihr alle wisst es vielleicht noch nicht, aber die neue große Flut ist gekommen. Gleich schwappt sie über euch hinweg und ihr seid tot. Schade eigentlich.

Hoppla, wo kommen denn die Tag-Fragen her? War das vielleicht ... Janine, aus ihrer Welt der Bücher? Womöglich ist deren Beantwortung und danach das Taggen anderer Blogger (mit weniger als 200 Lesern) die Rettung? Ein Erfinden neuer Fragen das magische Zauberwort? Was rede ich überhaupt noch?


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1) Habt ihr schon mal an einer oder mehreren Leserunde/n teilgenommen? Wenn ja, habt ihr da auch manchmal das Gefühl, das jeweilige Buch, höher bewertet zu haben, nur weil ihr euch so ausgiebig mit der Geschichte beschäftigt habt?

Ich nehme regelmäßig an Leserunden teil, hauptsächlich auf LovelyBooks. Da ist die Wahrscheinlichkeit, ein Buch zu gewinnen, einfach am höchsten. Manchmal fällt mir eine ehrliche Bewertung besonders schwer, wenn der Autor die Runde begleitet und dann noch sympathisch ist. Davon und von den bei Leserunden überwiegend positiven Meinungen wird man ja auch ganz schön beeinflusst. Man durchkämmt den Wald von vielen Seiten gleichzeitig.

2) Buchchallenges: an welchen nehmt ihr teil? Wenn nicht, warum nicht?

Zur Zeit nehme ich an der LovelyBooks-Themenchallenge teil - wobei mir gerade auffällt, dass ich einiges aktualisieren sollte. Das ist eine Jahreschallenge, bei der man im Grunde nicht viel verkehrt machen kann. Der Druck ist auch nicht sonderlich hoch, weil es sich nur um 20 zu lesende Bücher handelt. Ich würde an weiteren Challenges teilnehmen, aber ich fürchte, dass ich da den Überblick verlieren könnte. Bin ohnehin schon ziemlich chaotisch und ... faul. Schnief. 

Imaginäre Leseregeln habe ich aber trotzdem immer, die sind hauptsächlich für den SuB-Abbau da. Aber bringt nichts, denn ich bin buchflohmarktsüchtig.

3) Viele Leser können mit dem historischen Genre nichts anfangen. Warum glaubt ihr, ist das so? Und wenn ihr doch Anhänger dieses Genres seid, welches Buch könnt ihr ganz besonders empfehlen?

Historische Romane sind oft öde, ist einfach so. Und wenn sie nicht unbedingt öde sind, dann eben nur bedingt. Ken Follett ist zum Beispiel nicht öde. Beziehungsweise seine historischen Romane. Ihn kenne ich ja nicht persönlich. Aber jene sind auch ziemlich umfangreich und dick. Ich verliere da schnell die Motivation. Es ist, als atmete man beim Lesen durchgängig Staub ein.

4) Mit welchem Alter ca. hat deine Liebe zu den Büchern Überhand genommen?

Als ich im Kindergartenalter mit meiner Mama Felix-Bücher angeschaut habe und schon einzelne Wörter daraus lesen "durfte". Ich war dermaßen aufgeregt. Hab sogar einen Felix. Wuhuhuhaha.

5) Was ist dir lieber: ein ganz gemütlicher Leseabend auf dem Sofa, oder ein ganz gemütlicher Buchverfilmungabend auf dem Sofa? 


Immer unterschiedlich. Hängt auch davon ab, ob mein Freund da ist, oder nicht (er liest nicht so fanatisch gerne wie ich). Da ist ein gemütlicher Tatortabend kostbar - kostbarer jedenfalls, als ein schlechtes Buch.

6) Kennst du "Vorablesen", "Lovelybooks", "Büchertreff", "WasLiestDu" und die "Lübbe Community"? Wo bist du noch überall angemeldet (und aktiv)?


Ich bin jetzt seit ca. 3 Sekunden auf "Büchertreff" registriert - danke für den Tipp! Am aktivsten bin ich auf LovelyBooks und WasLiestDu. Bei Lübbe melde ich mich eigentlich nur, wenn ich auf eine vielversprechende Leserunde hoffe, aber in letzter Zeit war für mich nichts dabei. 
WasLiestDu finde ich auf jeden Fall am familiärsten, wobei es auch wie in einer Familie immer wieder kleinere Zickereien gibt. 

7) Könnt ihr euch privat auch mit jemanden so intensiv über Bücher austauschen, oder ist das mehr aufs Internet beschränkt?

Mit meiner besten Freundin geht das prima, nur ist sie leider zur Zeit für ein Jahr in England und ich zögere eine Skype-Anmeldung noch immer hinaus. Ich muss aber auch gestehen, dass ich beim realen Überbüchersprechen ziemlich temperamentvoll werde und, wenn mir mal das richtige Wort nicht einfallen will, etwas hyperaktiv. Das macht so lange keiner freiwillig mit.

8) Hand aufs Herz: habt ihr den SuB-Abbau schon aufgegeben, oder besteht noch Hoffnung?

Zur Zeit besteht Hoffnung, wenn ich mir kein einziges Buch kaufe, solange ich nicht 14 gelesen habe. Meinen ganzen SuB mit etwa 500 Büchern bekommen jedoch noch Jahrzehnte nicht klein.

9) Behaltet ihr eure gelesenen Bücher alle (wenn es möglich ist), oder ist euch das völlig egal, wohin sie gehen, oder woher sie kommen (Hauptsache gelesen.)?

Das ist der Grund, weshalb ich mir nie gern Bücher ausleihe. Ich will sie haben. Und vor allem, wenn sie gut waren, nie wieder hergeben, damit ich bei einem Blick ins Bücherregal wieder weiß, was das eine oder andere Werk mir bedeutet. Ziemlich Elinor-mäßig.

10) Gibt es Blogs, die ihr gerne besucht, weil ihr sie sehr mögt? Wenn ja, was ist das Besondere an ihnen?

Ja, deinen zum Beispiel, liebe Janine. Das ist echt wahr, keine Schleimerei. Du liest auch mal normale Bücher. Also, was ich normal finde. Nicht immer nur so Schmusi-Küssi-Damönchen-Quark. 

11) Mögt ihr solche Blogaktionen, wie diesen Tag hier?

Das kommt ganz auf die Fragen an. Die hier sind ganz gut gelungen! :) Manchmal weiß ich auch ehrlich nicht, was ich bloggen soll, ich bin da eher der Gelegenheitstyp. Ein Tag wie eben dieser sorgt immerhin für Ideen. :)


*  *  *

Kacki. Jetzt muss ich mir eigentlich Fragen überlegen, aber ich denke, ich nehme einfach die, die ich mir das letzte Mal ausgedacht habe - die etwas schrägeren. Ich hoffe, irgendwer wird die überhaupt, überhaupt (kursiv!) beantworten wollen. Kacki, kacki, kacki.

*  *  *

1. Was würdest du machen, wenn du auf der Stelle fliehen müsstest, aber nur eine gepunktete Wellness-Socke hast, in der du das Nötigste transportieren könntest? Was packst du ein?

2. Wenn deine gepunktete Wellness-Socke nun deine Tasche ist, womit wärmst du den nackten Fuß?

3. Hier gibt es zwei Möglichkeiten: [1] Du hast etwas Schweres/Spitzes eingepackt und während du läufst, reißt die Socke. welches Geräusch machen die herausfallenden Gegenstände auf dem Boden? [2] Zum Glück hast du nichts Schweres oder Spitzes eingepackt (auch kein Hardcover-Buch) und du kannst getrost fliehen. Wohin würde dich dein Weg als erstes führen?

4. Wovor rennst du eigentlich weg?

5. Du wachst auf. Alles war nur ein Traum (wie in diesen schlechten Kurzgeschichten). Welche Farbe hat eigentlich deine Bettdecke?

6. Wenn du, während du dich fragst, warum du diese bescheuerten Fragen beantwortest, an die Zimmerdecke hochschaust, was würde dich, von ihr herabhängend und zurückstarrend, am meisten beunruhigen?

7. Was glaubst du, welche Farbe das Kissen hat, auf dem ich gerade sitze?

8. Bei welcher Frage hast du erstmals überlegt, wieso du diese bescheuerten Fragen beantworten willst?

9. Merkst du, dass ich keine Ahnung mehr habe, was ich fragen könnte?

10. Das ist die letzte Frage. Angenommen, du freust dich darüber und machst gar ein Freudentänzchen. Welches Lied läuft dabei (im Soundtrack deines Lebens) im Hintergrund?

* * *

So. Wen nominiere ich?

1. Jenny (Bücher Keks' Welt)
2. Charlyne (Lieber lesen)
3. Lole (read it!)
4. Stephanie (Zitroschs Leseland)
5. Sophie (Sophies Buchwelt)
8. Elli (Bücherkind)
9. Palu (Sweet Birds)
10. Carmen (Carmens Leseecke)

(Jetzt bin ich gespannt, wer sich darauf einlassen wird - und was für seltsame Ergebnisse dabei herumkommen)



ENDE
* * *

Dienstag, 23. September 2014

Together readen


Oooouu, hey, my dear friends and fishies. Let us reeeaaaaaad together! Yeah, man! Maaaan!

*  *  *

1. Welches Buch liest du gerade und auf welcher Seite bist du?




107/255


2. Wie lautet der erste Satz auf deiner aktuellen Seite?
„Im Schweiß und Brodem eines eklen Betts“, dachte Katherine, die die Feuchtigkeit der Laken spürte, als sie vergeblich nach dem Wecker auf dem Nachttisch griff.

3. Was willst du unbedingt aktuell zu deinem Buch loswerden? (Gedanken dazu, Gefühle, ein Zitat, was immer du willst!)


Ich liebe es, ich liebe es, ich liebe es! Die perfekte Satire über den ewig sinnlosen Versuch, das beste Buch des Jahres zu küren.




4. Kannst du dich dran erinnern, welches das erste Buch war, dass du jemals selbst gelesen hast? Fing deine Buchleidenschaft schon direkt mit diesem ersten Buch an?

Ich weiß es nicht mehr hochprozentig genau, aber verweise hier gerne auf die Felix-Bücher, die ich im Kindergarten gelesen habe. Mit sehr viel Mühe und Spaß. :) Also: Ja. Ich war sofort verzaubert.

*  *  *

Samstag, 20. September 2014

Papier, das nach Erzählfreude duftet.

Alice Munro
Tanz der seligen Geister
Erzählungen


Irgendwann zwischen 1930 und 1950. Wann genau, ist doch egal. Im Grunde ist auch egal, wo genau (wenn man mal davon absieht, dass Hintergründe aus jener Zeit erzählungsspezifisch relevant sein könnten). Fünfzehn Erzählungen handeln davon, erwachsen zu werden und Selbstständigkeit zu erlangen, hinter die Fassaden des täglichen Lebens zu schauen. In ihrer Heimat wurde die Autorin mit dieser ersten Kurzgeschichtensammlung berühmt, erst vor wenigen Jahren kam die deutsche Übersetzung daher. Einfach so.

Stile unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht, da steht das Geschlecht des Autors als Kriterium eher an einer hinteren Stelle.
 Bei Alice Munro, der letzten Literaturnobelpreisträgerin, macht es umso mehr aus. Jede Erzählung, auch wenn mal keine Frau Protagonistin ist, hat etwas umwerfend Feminines an sich. Womöglich ist es auch die grazile Feinheit, mit welcher jedes Wort an seinen optimalen Platz gerückt wurde. Oder ist es die noch lange nachhallende Stille im Anschluss an jede Handlung, beinahe wie der Vorwurf einer nachtragenden Erzählerin im Anschluss an ein klärendes Gespräch? Was das angeht, bin ich mir jedenfalls sicher: Man könnte einem eine ganz andere Geschichte vorlegen; nach wenigem Lesen weiß man genau, ob es sich um ein Munrosches Werk handelt.

Keine Action, kein Blutvergießen, kein großes Drama. Mit diesem Band hält man gewissermaßen eine Kostbarkeit in den Händen, einen Zeugen hoher, sehr, sehr hoher literarischer Kunst. Nietzsche hat mal etwas geschrieben. Also, eigentlich recht viel.
 Und ich kenne den genauen Wortlaut auch längst nicht mehr.
 Es ging um Schlichtes und Sensationelles, den Unterschied zwischen einem wahren Künstler und einem, der eigentlich gar nichts drauf hat - abgesehen von Zahnbelag vielleicht, aber der Witz ist veraltet und wirkungslos geworden. Ein Möchtegern braucht Sensationelles, Ungewöhnliches und vom Hocher Reißendes, denn nur dann gebührt seinem Schaffen eine Aufmerksamkeit: nur so betrachtet man überhaupt sein Werk. Ein wahrer Künstler ist aus dieser Phase bereits hinausgewachsen; ihm reicht der Blick auf die wesentlichen Dinge des Lebens, das Alltägliche. Daraus schafft er, was dem Möchtegern verwehrt bleibt. 

Alice Munro ist so ein Möchtegern. Reingelegt. Alice Munro ist eine wahre Künstlerin. Dass sie das einmal werden würde, ist schon in diesem Debütband, dessen Erzählungen erstmals 1968 zusammen erschienen sind, klar zu erkennen.
 Ich finde die Lektüre beinahe frustrierend, denn wie soll man jemals an ihre scheinbare Mühelosigkeit, ihre offene, widersprüchliche und doch vollkommen widerspruchslose Eleganz herankommen? Jede Geschichte ist federleicht und doch schwer genug, dass sie eines lauen Abends vom Himmel auf die trostlose Erde herabgeschwebt kam. So kommt es einem vor. Trotzdem hallt in ihnen das irdische Leben wider: Erwachsenwerden, Emanzipation, diffizile Verhältnisse, der eigene Stellenwert in Gesellschaft und Familie. Autobiografische Details (wie das Leben auf einer Fuchsfarm) garantieren eine ausnahmslos glaubhafte Szenerie.
 Was mich als Leser jedoch am meisten faszinierte, waren gar nicht mal die Erzählungen an sich. Hauptsächlich blieb mir hinterher die Liebe zu ihnen in Erinnerung, nach der die Buchseiten förmlich gerochen haben. Als gehörten sie alle zu einer großen Familie. 

*  *  *
Alice Munro; Tanz der seligen Geister.
Verlag und Bildquelle: S. Fischer Verlage
Seiten: 380 (Taschenbuch)
ISBN: 978-3-596-18875-8
Preis: 9,99€ [D]

Herbstliche Lektüre auf dem Klo + Neuzugang

Meine Klolektüre hat mir neulich nachts, als alles schlief außer mir, die erste richtige Herbststimmung verpasst. Mit einigem albernen Gekicher. Das Zitat wandert direkt auf die Seite meiner liebsten.


Suchen wir denn zuviel, wenn wir den Umgang von Männern suchen, welche mild, wohlschmeckend und nahrhaft geworden sind wie Kastanien, die man zur rechten Zeit ins Feuer gelegt und aus dem Feuer genommen hat?
      [Friedrich Nietzsche: Morgenröte; Gedanken über die moralischen Vorurteile]

Ich hätte diese Worte ja liebend gern Wladimir Putin auf die Zunge gelegt, aber dann würde ich ja lügen, und ich lüge nie, außer, wenn ich mit Drama um mich schmeiße. 
Der Herbst ist für mich jedenfalls da. Nur deshalb. Nur dank Freddy Nietzsche.

Ach ja: Klolektüre. Oder auch Toilettüre. Oder Kackabuch. Hat nicht eigentlich jeder so etwas? Meine Eltern jedenfalls nicht, dafür lasse ich ihnen aber den Nietzsche ganz unauffällig auf der Kommode liegen. Vielleicht reizt er ja - zum Philosophieren. Glaube ich aber eher weniger. Will auch nicht unbedingt, dass mein Nietzsche von irgendwelchen Gästen angefasst wird, die hygienische Leichen im Keller lagern ... Bah! Exkremente auf Nietzsches Schnäuzer!
Womöglich ist dieses Geschreibsel hier das Ende meines Lebens als Mädchen, das auf der Toilette liest!


Spätestens jetzt müssten die Erwartungen einen Tiefpunkt erreicht haben, was den Neuzugang angeht, der gestern in meine gierigen Finger gewandert ist. Also, nicht in die Knochen rein; meine Ausdrucksweise lässt manchmal wirklich zu wünschen übrig.

Jedenfalls glaube ich fast, der Titel ist Programm. Was natürlich nicht geht, aber dazu komme ich bald. Nicht heute, aber bald. Ich weiß jetzt schon, wie die Rezension in etwa ausschauen wird, denn meine Begeisterung hat Flügel bekommen, als hätte ich zu viel RedBull genossen. (RedBull schmeckt gar nicht. Wie flüssiges Kaugummi. Nur mal so nebenbei.)




Erschienen am 1. September 2014 im Piper-Verlag, handelt der Roman davon, dass es eigentlich unmöglich ist, den "Besten Roman des Jahres" im Rahmen einer Preisverleihung zu küren. Der Titel ist somit nicht etwa ein Zeichen bodenloser Arroganz, sondern geht in die Tiefe. In die Tiefen des aktuellen literarischen Ozeans, jeder Tropfen Wasser ein Titel, jeder Schwarm eine Shortlist, jedes Riff eine Longlist. Oder irgendwie so.
 Erster Satz der Seite, auf der ich mich gerade befinde (nicht körperlich, sondern mit den Augen):
Seite 37: Es klingelte an der Tür.

Ich lache gerade wie ein Filmbösewicht, weil der Satz so herrlich nichtssagend und doch neugierigmachend ist. Die Rezension wird etwa nächste Woche folgen. Ich liebe den Roman schon jetzt!



Mittwoch, 17. September 2014

Wie Großtantes üppiger Busen

Romy Hausmann
Lisa heißt jetzt Lola und lebt in der Stadt





Lisa würde lieber Lola heißen. Das ist ganz normal. Ich wollte früher auch lieber Bibi Blocksberg sein. Und Lisa klingt nun wirklich langweilig. Abgesehen davon hat die Protagonistin dieses Romans ganz andere Probleme: Seit ihre Mutter Suizid begangen hat, lebt sie bei ihrer Oma und ihrem psychisch labilen Vater. Das macht auch ohne Taschenrechner 0,0% pädagogisches Talent. Dazu noch in diesem Kaff, wo sich Karrierechancen auf den Titel einer Wurstfachverkäuferin beschränken. Kein Wunder, dass das Mädel eines Tages ausreißt - ohne Plan; ohne die Fähigkeit, Ansätze eines Planes zu entwickeln. Hat das Dorfleben jeden Funken Liebe in Lisas Leben verschluckt? Kann wenigstens eine Großstadt wie München ihr ein ordentliches Bild rosaroter Träume zeichnen? 


 Mein Papa weigert sich, folgende Wahrheit zu akzeptieren: Wenn meine Freunde langhaarig sind, heißt das nicht gleich, dass sie kiffen.
Und wenn der Titel eines Buches auf dem Cover schnörkelig ist, dann heißt das nicht gleich, dass es hinter der Fassade auch flauschig und lieb zugeht. So. Der Meister der Weisheiten hat gesprochen.

Die junge Autorin zeigt in diesem Werk viele (hoffentlich nicht alle) Facetten ihres Könnens. Dynamische Assoziationsketten, zeitgenössischen Wortwitz, durchdachte Charaktere. Was den Stil des Romans am meisten ausmacht, ist der bitterböse Humor, der es schafft, niveauvoll unter die Gürtellinie zu gehen. Was ich jedoch niveauvoll finde, muss es nicht unbedingt auch sein.
 Wenn ich derartige Witze in einer Menschentraube mache, schauen mich erst alle Leute erschrocken, dann angewidert an. Und irgendwie werde ich dann aus der Traube hinausbefördert. Als ob die Frucht Stuhlgang hätte - ich in der Rolle des Exkrements. Meistens merke ich das erst im Nachhinein, weil ich in der Regel viel zu sehr mit Lachen beschäftigt bin. Doch plötzlich stehe ich allein da (leises Klaviergeklimper an). Traurig. Über mir die einzige, winzige Regenwolke des warmen Sommertages. Und Tränen auf meiner Wange. Viele Tränen. Wer das liest, muss sich ein abgrundtiefes Seufzen vorstellen, und jetzt (!) vergessen, was er gelesen hat (denn das war ja offensichtlich übertrieben ... echt! Ach ja: Klaviergeklimper aus).

 Eigentlich - wenn ich das mal so formulieren darf - scheiße ich auf meinen Job. Natürlich nur im übertragenen Sinne, denn obwohl ich nicht viel darüber weiß, über meinen Job, meine ich, bin ich mir ziemlich sicher, dass man nicht auf die Wurstauslage kacken sollte. 
 [S. 5 - habe ich ja beim Gemeinsamen Lesen schon erwähnt]
Tja. Jetzt ist Festhalten und Anschnallen angesagt, denn: Ich finde den Roman ganz und gar nicht witzig. Nicht, dass ich nicht gekichert hätte. Ich habe sogar sehr viel gekichert, aber irgendwie gehört es sich einfach nicht, über Lisas Schicksal zu lachen. Sie ist emotional gestört und davon überzeugt, dass sie niemals jemand lieben wird. Jäh aufkeimende Hoffnungen werden zerdeppert, bevor sie erst richtig aufkeimen können. Dann dieser nervtötende Charakterzug: Das Schwarzsehen. Nie die Initiative zu ergreifen, und wenn doch, dann jämmerlich scheitern - warum? Weil Lisa klammert. Dieser Mix aus Klammern und Wegwerfen ist bisweilen zu viel für einen armen, psychologisch ungeschulten Leser. Und auch meine geliebten Assoziationsketten  und Perspektivwechsel, diese ganzen rhetorischen Spielereien können einen überrennen wie eine Horde Ochsen. Was der eine originell findet, kann den anderen schnell erdrücken wie Großtantes üppiger Busen. Oder umhauen wie ihr miefiger Atem. Da hätte man sich tatsächlich ein wenig zurückhalten können. Nicht müssen.

Mich hinterließ dieses Buch jedenfalls fasziniert, deprimiert, frustriert. Erleichtert und bemitleidend. Einerseits mit einem blinkenden Fragezeichen über dem Kopf, andererseits ... Nein, das kann ich so nicht weiterführen. Ich meine, wer hat schon ein Semikolon oder einen Doppelpunkt ... 
Die Charaktere sind zum Verrücktwerden. So, wie echte Menschen. 
Die Geschichte trägt einen starken Sarkasmus, oft auch schon Zynismus auf der Oberfläche, wie es mit manchen Personen ist, die im Inneren tieftraurig sind. 


Ich merke schon, dass die Stimmung an irgendeiner Stelle eingefroren sein muss. Zum Schluss also ein paar tröstende Worte an Lisa höchstpersönlich:
 Lisa. Kopf hoch! Lola klingt wirklich besser. Aber du heißt nun einmal Lisa, bis du deinen Namen offiziell geändert hast. Aber das macht gar nichts. Ich bleibe auch ich. Nicht, weil ich nicht Bibi Blocksberg sein könnte, sondern, weil ihre Stimme so nervig ist (in beiden Varianten). Außerdem findet sich immer wer, der auf Großtantes üppigen Busen steht. Großonkel, zum Beispiel. Und es gibt Leute, die lassen sich von Ochsen nicht so einfach umrennen. Die schwingen sich auf deren Rücken und reiten sie. So. Der Meister der Weisheiten hat gesprochen - und verschwindet in einer türkisen Rauchwolke, mit einem omnipräsenten, zarten, magischen Plöppen.


*  *  *
Erschienen am: 11.08.2014
Verlag und Bildquelle: Heyne
Seiten: 288 (Taschenbuch)
ISBN: 978-3-453-41767-0
Preis: 8,99€ [D]